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Lucinda Burgess - Flow II

Ausstellung vom 26. Mai bis 18. Juni 2023

Lucinda Burgess  -  Flow II

Difference (Foto: John Taylor)

Die Künstlerin Lucinda Burgess verwendet Materialien, die in besonderer Weise einem Wandel unterliegen. Stahl, scheinbar stabil, fest und dauerhaft, ändert sich, wenn Rost die vorher spiegelnden Oberflächen bedeckt. Glas blitzt und reflektiert wie Wasser. Graphit als Ganzes betrachtet, sieht schwarz aus, kann aber auch weiß erscheinen, abhängig davon in welchem Winkel der Betrachter zur Oberfläche steht. Und ein Rot kann eine Vielzahl verschiedener Farbtöne beinhalten, je nachdem in welchem Winkel ein bemaltes Blatt Papier zum Licht steht.
Wir haben Vorstellungen von festen, unveränderlichen Dingen, die in unserer Umwelt existieren, und von einer objektiven Realität, jedoch beim Betrachten dieser Werke werden wir daran erinnert, dass es sich letztlich nur um den Treffpunkt von Bewusstsein und Objekt handelt. Dieser Treffpunkt ist mehr wie ein Tanz mit der Zeit, fließend, flüchtig und immer in Bewegung.

Zum Werk von Lucinda Burgess

1. Materialität

Der Fokus meiner künstlerischen Arbeit liegt auf Materialität. Mich interessieren die natürlichen Eigenschaften von Materialien, ihre Fragilität und Wandelbarkeit. Dies geht vermutlich auf die Zeit meiner Arbeit als Landschaftsarchitektin zurück. Stoffe wie Holz, Stahl, Glas oder Papier werden nach ihrer besonderen natürlichen Beschaffenheit oder dem Grad ihrer Veränderbarkeit ausgewählt und bearbeitet. Sie können stark reflektierend sein, wie Glas oder Graphit, oder in der Lage, radikalen visuellen Transformationen unterzogen zu werden, zum Beispiel von Holz zu Holzkohle oder poliertem Stahl zu Rost. Der Kontrast zwischen der dem Material eigenen Unberechenbarkeit und der Verwendung von geraden Linien betont die vielfältige und unbegrenzte Variabilität von Materialien und der Welt der Natur.

2. Wiederholung

Jede meiner Arbeiten beinhaltet Wiederholung. Wiederholung und die Verwendung von Linien ermöglichen es mir, die Variabilität der Natur zu verdeutlichen. Die Behandlung des Materials ist immer gleich, doch jedes Mal verhält es sich etwas anders. Verkohltes Holz enthüllt Jahresringe und Maserungen, jedes Stück ist ein Unikat. Rost entsteht auf vielfältige Weise, jeder rostende Stahlstab sieht anders aus. Ich mache immer wieder das gleiche, die Ergebnisse sind jedoch immer einzigartig. Dieselbe Farbe Rot, auf Papier gerieben und poliert, wirkt auf glattem Papier anders als auf rauem; je nach Winkel des Papiers zum Licht verändert sich der Farbeindruck.
Indem ich versuche zu wiederholen und dabei scheitere, illustriere ich Søren Kierkegaards Beobachtung, dass es so etwas wie Wiederholung nicht gibt. Dadurch, dass ich ein Material immer wieder demselben Prozess aussetze oder "dasselbe" Objekt in verschiedene Kontexte stelle, wird offenbar, dass nichts wiederholt werden kann; dass jeder Versuch, dies zu tun, zu einem völlig einzigartigen Ergebnis führt.
In Same beispielsweise werden zwei Reihen von jeweils neun Stahlwinkeln, identisch in Größe und Material, unterschiedlich platziert: eine an der Wand, die andere auf dem Boden. Trotz der räumlichen Nähe verändert der Ortsunterschied die Wahrnehmung der Betrachtenden völlig: Die Winkel an der Wand sehen aus wie Kunst der Moderne, die auf dem Boden wie ein Gitterrost.
Wird dasselbe Ding in zwei unterschiedliche Kontexte gestellt, findet die Veränderung in der Erfahrung der Betrachtenden statt. Aus verschiedenen Blickwinkeln und in verschiedenen Lichtverhältnissen sehen die Dinge anders aus. Sie werden unterschiedlich erlebt, manchmal mit unterschiedlichen Sinnen. Über das eine könnte man laufen, auf das andere schaut man. Nicht nur Materialien sind veränderlich und unwiederholbar, auch Erfahrung ist veränderlich und unwiederholbar.

3. Östliche Philosophie

Ausgehend von meinem großen Interesse an östlicher Philosophie beschäftigt sich meine künstlerische Arbeit mit sich ständig verändernden Sehfeldern und der Erfahrung des Sehens selbst. Sie betont die Bedeutung von Erfahrungen aus erster Hand im Gegensatz zu unserer derzeitigen Kultur vermittelter Erfahrungen. Wenn jemand um ein Werk herumgeht, können Farben in einem Meer von Reflexionen herumtanzen oder Formen sich durch die Augenbewegung verwandeln. Die Kernbotschaft ist, dass es der Erfahrung nach keinen Stillstand gibt; dass die Idee eines "Dings", das Bestand hat, letztendlich nur eine Vorstellung ist ein nützliches und notwendiges Werkzeug, um durch den ständigen Strom sensorischer Information zu navigieren.

Der ständige Strom sensorischer Information kann mit einem Fluss verglichen werden, der fließt. Er fließt nicht rückwärts und wiederholt sich nicht, jeder Moment ist ein neuer, der sich vom vorherigen unterscheidet. Heraklit sagte bekanntlich, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Ich habe diese Ausstellung "Flow" genannt, weil ich zeigen möchte, dass nicht nur Flüsse fließen. Alle körperlichen und geistigen Dinge verändern sich ständig. Es mag den Anschein haben, dass Skulptur kein offensichtliches Medium ist, diese Idee zu vermitteln, aber ich nutze die Solidität, ja gerade den statischen Zustand eines Werks, um die Dynamik unserer Wahrnehmung zu betonen: wie das Werk je nach Licht, Blickwinkel, Stimmung, Erwartung usw. unterschiedlich wahrgenommen wird. Wer weiß, wenn Heraklit heute Abend bei uns wäre, würde er vielleicht sagen, dass man dasselbe Kunstwerk nicht zweimal betrachten kann.

Biografie

Lucinda Burgess studierte Bildende Kunst mit Schwerpunkt Malerei und verband daraufhin die Malerei mit einer Lehrtätigkeit. Angeregt durch die Beschäftigung mit östlicher Philosophie verbrachte sie anschließend einige Jahre in einem klösterlichen Umfeld. Das Muster dramatischer Veränderungen fortsetzend arbeitete sie danach erfolgreich als Landschaftsarchitektin und gewann mehrere Auszeichnungen (darunter zwei Goldmedaillen) bei der Chelsea Flower Show und der Hampton Court Flower Show sowie eine Auszeichnung der Association of Professional Landscapers für ihre großflächige Pflanzen-Installation in den Royal Botanic Gardens, Kew. Seit 2010 hat sie ihre Kunstpraxis wieder aufgenommen und arbeitet vorwiegend dreidimensional.

Lucinda hat einen BA in Bildender Kunst von der Bath Academy of Art, einen postgradualen Abschluss in Kunstpädagogik von Goldsmiths, University of London, und einen Master of Fine Arts (mit Auszeichnung) von der Bath School of Art and Design. Ihre Kunst wurde national und international ausgestellt, unter anderem in London, Liverpool, Bath, Bristol, Griechenland und Deutschland. Sie gewann bei mehreren Artist-in-Residence-Programmen, darunter 2014 beim Porthleven Prize und 2019 eine Residenz in der Newlyn Art Gallery, Cornwall. Ihre Werke wurden 2018 für den Jerwood Drawing Prize und 2019 für den Aesthetica Art Prize ausgewählt. Derzeit arbeitet sie eng mit Bartha Contemporary in London zusammen und wird 2023 an mehreren Orten in Deutschland ausstellen.

Text: L.Burgess

Weitere Informationen zu Lucinda Burgess unter www.lucindaburgess.com
 

Bilder von der Eröffnung

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

Die Vorsitzenden des BKV mit der Künstlerin Lucinda Burgess (2. v.l.) und dem Kunstsammler Carl-Jürgen Schroth

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

Pia Regh (l.), stellv. Bürgermeisterin von Brühl, sprach ein Grußwort zur Eröffnung.

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

Der Kunstsammler Carl-Jürgen Schroth erläuterte kenntnisreich das Werk von Lucinda Burgess.

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

Der aus Brühl stammende Musiker Erik Weis unterhielt die Vernissage-Besucher mit zwei Stücken.

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

Besucherin vor einem Werk von L. Burgess

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

Die Besucher führten angeregte Gespräche bei schönem Wetter am Freitagabend.

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

Fotos: D. Schöddert / G.M.Wagner

Blick in die Ausstellung

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

BKV Ausstellung Lucinda Burgess

Fotos: G.M.Wagner