Brühler Kunstverein
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Rainer Plum - Der verdichtete Raum

Laser - Zeichnung - Fotografie - Skulptur

12. Oktober bis 3. November 2019

Vernissage: Fr, 11. Oktober 2019, 19.30 Uhr
Einführung: Friederike Voskamp, M.A.

Finissage mit Künstlergespräch: So, 3. November 2019, 15 Uhr

Die kleinformatigen, intimen und gleichzeitig energetischen Zeichnungen (35 x 37 cm) von Rainer Plum bilden die Basis für die raumgreifenden Laserinstallationen. In der Zeichnung vollzieht sich ein Prozess des Verdichtens, Erscheinens und Auflösens. Es ist ein langsames Ertasten von Räumen. Gleichzeitig sucht die Linie die Nähe zur Körperlichkeit. Die Linienelemente erscheinen fast gegenständlich. Sie bleiben nicht in der Geometrie verhaftet, sondern zeigen sich als emotionaler Ausdruck einer ständigen Suche.

Im Dialog zu seinen Zeichnungen zeigt der Künstler Fotografien und Skulpturen. Gleichzeitig wird eine Laserinstallation, die sich direkt auf die Architektur des Ausstellungsraumes bezieht, eingerichtet. Dabei verdichtet die präzise Strahlführung des Laserlichtes den Raum und lässt so ein kristallines Gebilde entstehen.

Rainer Plum - Der verdichtete Raum

Rainer Plum: o.T. - Fotografie hellgrundig - 2018


Rainer Plum – Der verdichtete Raum

Von Friederike Voßkamp, Kunsthistorikerin

Raum, Linie, Energie – mit diesen drei Begriffen ist man im Hinblick auf die Werke von Rainer Plum unweigerlich konfrontiert. Zunächst der Raum: Er ist das, was Rainer Plum in seinem künstlerischen Schaffen zu erkunden sucht. Es ist die Umgebung, deren Beschaffenheit und Grenzen es auszuloten gilt und die uns als Betrachtende wie selbstverständlich mit einschließt und mit uns in einen Dialog tritt. Die Linie wiederum zieht sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk und bestimmt als Ausgangspunkt und Zentrum sowohl seine Zeichnungen, seine Skulpturen als auch seine Laserinstallationen, die im Innen- und Außenraum entstehen. Schließlich: die Energie, die zeichnerische Kraft, die Bewegtheit und Vitalität, die allen Arbeiten Rainer Plums innewohnt. Für Plum ist sie eine Art Verdichtung, wobei Verdichtung gleichzeitig als ein charakteristisches Merkmal sowohl sein Werk als auch seine künstlerische Entwicklung bezeichnet.

In diesen Dreiklang aus Raum-Linie-Energie fügt sich auch der Titel der Ausstellung im Brühler Kunstverein, den der Künstler selbst gewählt hat: „Der verdichtete Raum“. Er führt im Grunde alle drei Aspekte zusammen. Der Ausstellungsraum ist zweigeteilt. Im vorderen Bereich sind aktuelle Arbeiten versammelt, Zeichnungen und Fotografien aus 2019, gegenüber zwei Fotografien aus 2017, zu denen eine Laserinstallation im anderen Teil des Raumes tritt. Beides rückt nah zusammen. Laser- und grafische Arbeiten bedingen sich gegenseitig. Das eine Werk wäre ohne die anderen nicht zu verstehen, sie ergänzen sich förmlich. Verbindendes Element ist die Linie, die in der Laserkunst aus der Zweidimensionalität der Zeichnung in den großen, realen Raum überführt wird.

Im Werk wohl jedes Künstlers, jeder Künstlerin spiegelt sich der jeweilige Werdegang wider. Auf Rainer Plum trifft dies jedoch in besonderer Weise zu. Aus dem technischen Bereich her kommend studierte er von 1977 bis 1982 Freie Malerei an der Düsseldorfer Akademie bei Gerhard Hoehme, dem bedeutenden Vertreter des deutschen Informel, der auch Künstler und Künstlerinnen wie Sigmar Polke oder Chris Reinecke zu seinen Schülern bzw. Schülerinnen zählte. Wenngleich sich Plum, wie er selbst sagt, mit einzelnen Positionen Hoehmes, gerade den gestischen Gestaltungsweisen, mitunter schwer tat, ist beiden Künstlern dennoch der Drang nach der Auslotung des Raumes gemein sowie die besondere Wertschätzung, die sie der Zeichnung entgegenbringen, dieser – wie Hoehme sagte – „umfassendsten und ursprünglichsten Art, sich visuell mitzuteilen“. Die Erkundung des Raumes führte Rainer Plum von der flächigen Malerei zur Linie, die seine Zeichnungen und Radierungen prägt und der er ab 1982 in seinen von ihm als „Bildwerken“ bezeichneten Holzskulpturen letztlich auch Körperlichkeit verlieh. Die Suche nach neuen Ausdrucksformen für diese Linie ließ ihn zu Beginn der 1990er Jahre zudem ein postgraduales Studium an der damals gerade neu eröffneten Kunsthochschule für Medien in Köln aufnehmen. Mit der sich ebenso in den künstlerischen Kinderschuhen befindenden Lasertechnik fand er hier das, wonach er suchte. Sie ermöglichte ihm, sich anders und weiter im Raum zu entfalten, sich vor allem verglichen mit seinen Skulpturen von den Fixierungspunkten im Raum zu lösen, die skulpturale Objekte – sei es durch eine Anbringung an der Wand oder eine Aufstellung auf dem Boden – immer erfordern, und schließlich die haptische Präsenz der Skulpturen und Zeichnungen in das immaterielle, flüchtige Medium des Lichts zu verwandeln. Aufgrund seiner dabei stets auch theoretisch geleiteten Auseinandersetzung mit den verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten folgte 2004 die Berufung an die Fachhochschule Aachen, University of Applied Sciences als Professor für Methodenlehre der visuellen Darstellung, an der er bis zum vergangenen Jahr lehrte.

Die hier ausgestellten Arbeiten führen das Schaffen Rainer Plums in konzentrierter, – man möchte fast sagen – verdichteter Form vor Augen. Nicht ohne Grund sind seine Zeichnungen dabei in der Mitte platziert. Sie sind das zentrale Element. Getreu dem Motto „Nulla dies sine linea“ (kein Tag ohne Linie), dem legendären Ausspruch des antiken griechischen Malers Apelles, ist Zeichnen bei Plum fast tägliche Praxis. Es dient ihm der Selbstvergewisserung, der Überprüfung der eigenen Empfindung und Genauigkeit, seiner Erfahrung des Raumes. Die hier gezeigten Zeichnungen wirken – dem Gedanken der Verdichtung folgend – wie grafische Abbreviaturen. Ins Auge fällt eine kraftvolle, energiegeladene Hauptlinie, die zum Teil jäh unterbrochen wird und – geht man näher heran – zu den Rändern und Enden hin ausfasert, oszillierend in feinen Partikeln in den Raum hinaustritt, den das weiße Blatt Papier bietet, und sich leise darin verliert. Das Zeichnen ist dabei kein statischer Prozess. Im vorsichtigen Ertasten des Papierraums wird das Blatt gedreht, die Zeichnung mitunter ergänzt oder nachträglich überarbeitet. Das nahezu quadratische Format von 35 x 37 cm, das Rainer Plum mittlerweile fast ausschließlich verwendet, kommt dieser Vorgehensweise entgegen. So verwundert es nicht, dass sich unter den ausgestellten Werken auch eine Arbeit mit zwei Datumsangaben findet, die passend zum Drehmoment in verschiedenen Ecken des Blattes erscheinen.

Dem gegenübergestellt ist eine Laser-Arbeit im anderen Teil des Raumes. Hier erhält das Zeichnerische dreidimensionale Präsenz. Drei Leuchtdioden lassen wie von Zauberhand Linien im Raum entstehen, deren Anordnung nur vermeintlich geometrischen Regeln gehorcht. Die Lichtlinien passen sich zwar dem Raum an, folgen ihm jedoch nicht ganz. So laufen sie teilweise ins Leere und bieten nur scheinbar Orientierung. Vielmehr stellen sie die Wahrnehmung des Raumes und seine Erfahrung durch den Betrachter, die Betrachterin im unmittelbaren Raum-Körper-Dialog auf die Probe. Im Zentrum, bezeichnenderweise nicht in der exakten mathematischen Mitte, erscheint nahezu magisch-holografisch eine schwebende Linie, scheinbar losgelöst ohne Aufhängung im Raum. Ihre Form erinnert an die Linie im Kupferstich, die durch den Druck, der beim Ritzen mit dem Grabstichel auf der Platte entsteht, zur Mitte hin anschwillt, eine Art Kraftzentrum bildet, sich zu den Enden hin aber langsam verjüngt und in den umgebenden Raum ausläuft. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass es keine klare Linie ist, im Gegenteil, je länger man sich vertieft, desto stärker erkennt man ein Flimmern. Das grellgrüne Laserlicht wird von schwarzen lichtlosen Mikropunkten durchbrochen. Dieses Flirren, Vibrieren, Changieren erzeugt jene Vitalität und Bewegtheit, die die Werke Rainer Plums ausmachen. Es ist gerade dieses Wechselspiel zwischen Klarheit und Verunklarung, Präzision und bewusster Ungenauigkeit, das in seinen Arbeiten vielfach zu beobachten ist. Wie der Künstler einmal bezogen auf seine Malerei sagte, „steht das Bild […] in ständiger Spannung von Bewegung und Ruhe, von Setzen und Wegnehmen, von Auflösen und Erscheinen, von Materie und Energie“.

Gleiches gilt für seine Fotografien, die erst seit den letzten zwei bis drei Jahren entstehen. Darin fixiert er die Erscheinungen des Laserlichts, das in den hier gezeigten Werken wie im Negativ-Verfahren in ein Schwarz-Weiß oder Weiß-Schwarz überführt wird. In einigen Aufnahmen scheint der reale Raum dabei im Hintergrund durch. Die Lichtstrahlen bzw. Linien stehen jedoch nicht für sich. Neben ihnen und um sie herum bilden sich Zwischenräume, die Rainer Plum durch den Einsatz von Nebelfluid sichtbar macht. Wie diffuse, zum Teil modulierte Schleier breiten sie sich aus und deuten eine Art Energieverlauf an. In ihrer gewebeähnlichen, schematischen Struktur erinnern die Motive an die linearen Raumkonstruktionen des russischen Konstruktivisten Naum Gabo. Auch Gabo ging es um die Erschließung des Raumes, einschließlich der Zwischenräume, jedoch vollzieht sich diese Suche bei Rainer Plum auf eine intimere, feinsinnigere, filigranere und weniger konkretistische Weise als es in den plastischen Gebilden Naum Gabos geschieht. Was bei Plum auf den ersten Blick wie eine präzise, technische Zeichnung oder eine Aufnahme eines physikalischen Experiments, etwa der Lichtbrechung mit verschiedenen Prismen, erscheinen mag, entpuppt sich als zerbrechliches, ephemer wirkendes und vor allem unregelmäßiges Konstrukt. Auch hier tritt das bereits beschriebene Spannungsverhältnis hervor. Auch hier gibt es keine Geometrie, keine Symmetrie, keine absolute Gewissheit des Raumes und keine Beschränkung auf das Bildformat. Man sieht nur einen Ausschnitt. Die feinen Linien führen über das Motiv hinaus und könnten beliebig weit in den Raum verlängert werden. Das Blatt ist nicht genug. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nun viel Vergnügen bei der Erkundung des Raumes, der Linie, der Energie und der Arbeiten von Rainer Plum!

 

Bilder von der Eröffnung

Gaby Zimmermann, Rainer Plum, Friederike Voskamp; ©BKV
Kunstvereinsvorsitzende Gaby Zimmermann begrüßt den Künstler Rainer Plum und die Kunsthistorikerin Friederike Voskamp zur Vernissage (v.l.n.r.)

Friederike Voskamp vor Publikum; ©BKV
Friederike Voskamp führt in die Ausstellung ein.

Publikum im Ausstellungsraum; ©BKV
Angeregt unterhält sich das Publikum bei der Vernissage.

Laserinstallation; ©BKV
Die Laserinstallation im abgetrennten und verdunkelten Teil der Alten Schlosserei.

Fotos: G.M.Wagner