Brühler Kunstverein
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Tessa Knapp: Geteilte Gegenwart - Hereness into Nowness

Audiovisuelle Installation und Videokonzert

Ausstellung vom 29. April bis 19. Mai 2018

Tessa Knapp, Raumerkundungen, 2018 © Tessa Knapp
Tessa Knapp, Raumerkundungen, 2018 © Tessa Knapp



Zur Ausstellung

Die Installation aus Lichtbild, Sprache und Klang beschäftigt sich mit Gegenwärtigkeit. Wie sie sich wahrnehmen, in Worte fassen, speichern und wiedergeben lässt.
Licht- und Schattenprojektionen wandern durch den Raum, der als Lichtkammer Augenblicke und Schemen von Außen abbildet. Stimmen beschreiben einen Moment, der sich immer wieder neu zeigt: "Ich bin jetzt hier". Die medial konservierten Augenblicke werden visuell und akustisch geschichtet und miteinander verwoben.
Das Smartphone, sonst Gerät der Zerstreuung, diente den Beteiligten dazu, im Alltag kurz innezuhalten und in die Momentaufnahme eines Anrufes zu schlüpfen, der für die Dauer der Verbindung die erlebte Gegenwart teilt.
Die Musiker Fuhrmann und Schütte werden schließlich in einem Videokonzert mit Momenten der Installation arbeiten und wieder "live" zurück in das tatsächliche Hier und Jetzt des Besuchers überführen.

Zur Künstlerin

Tessa Knapp, 1981 in Stuttgart geboren, lebt in Köln. Studium der Medienkunst in Köln von 2001 bis 2007, u.a. bei Marcel Odenbach, Matthias Müller und Sigfried Zielinski. Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete und mit Stipendien geförderte Künstlerin ist auch als Lehrbeauftragte an der Kunstakademie Düsseldorf und der Universität Essen tätig. 2016 realisierte sie die Rauminstallation "Voices" in der Artothek Köln. 2017 erfolgte die Videoinstallation "It's Ok" in Lindau am Bodensee.

Zur Eröffnung

Wenn man auf der Internetseite des Brühler Kunstvereins im Quellcode die Schlagworte für die Suchmaschinen anschauen würde, würde man Begriffen wie Videokunst, Medien, audiovisuell, Videokonzert usw. begegnen. Schaut man in der Kunstgeschichte zurück, so beschäftigte sich diese bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ausschließlich mit den Bereichen Malerei, Bildhauerei und Baukunst. Noch 1963 hieß es im Leitfaden für angehende Kunstgeschichtsstudenten: "Die Kunstgeschichte befaßt sich mit der Geschichte der bildenden Kunst, vornehmlich mit europäischer Architektur, Plastik, Malerei und Kunstgewerbe vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart."

Die Künstler selbst waren da aufgeschlossener. Gab es neue technische Entwicklungen, wurden sie im Sinne des Kunst Schaffens auch gleich genutzt und ihre Einsatzmöglichkeiten wurden innovativ erweitert. Man denke nur an Fotografie und Film. Man Ray legte in den 1920er-Jahren seine Hände und diverse Gegenstände auf Fotopapier und belichtete. Fertig waren die nach ihm benannten Rayogramme. Andy Warhol filmte 1964 acht Stunden lang das Empire State Building auf 16 mm und reduzierte bei der Projektion des Films die üblichen 24 Bilder/sec. auf 16 Bilder/sec. Mit der Einführung des Fernsehens und in Folge der Möglichkeit der magnetischen Aufzeichnung ergab sich für Künstler eine weitere Spielwiese des Experimentierens. Dass sich in Köln eine Hochburg der Videokunst etablierte, lag u.a. an einem Kölnischen Kunstverein unter der Leitung von Wulf Herzogenrath, der diese Kunst besonders förderte. Und nicht zuletzt an jungen Künstlern aus der Region, die sich diesem Medium verschrieben wie Ulrike Rosenbach, Klaus vom Bruch und Marcel Odenbach.

Als 1989 der Köln. Kunstverein eine Retrospektive der "Video-Skulptur" über einen Zeitraum von gut 25 Jahren präsentierte, gehörte diese Sparte wohl unbestritten zur Kunstgeschichte. Letztlich war es nur eine Frage der Zeit, dass in Köln eine Kunsthochschule für Medien gegründet wurde, zunächst mit einem Aufbaustudiengang, ab 1994 als Diplomstudiengang. Und schon war Video wieder veraltet, die sogenannten neuen Medien erobern die Welt, Digital heißt das Zauberwort und per Internet und E-Mail vernetzt sich die Welt.

Und nun schließt sich der Kreis - Tessa Knapp studiert an eben dieser Medienkunstschule bei den Professoren Matthias Müller, Sigfried Zielinski und Marcel Odenbach. Sie schließt das Studium 2007 mit Diplom ab und arbeitet seitdem mit Videokunst, Installation, Intervention und Experimentalfilm. In gerade mal 10 Jahren ist sie überaus aktiv und erfolgreich. Sie erhält Auszeichnungen, Preise, Stipendien und Förderungen. Und das ist auch überaus wichtig in einem Kunstbereich, dessen Werke sich nicht so leicht verkaufen lassen wie handliche Bilder oder Skulpturen. Regelmäßige Ausstellungen und Teilnahme an Festivals ergänzen ihre Biografie.

Ich möchte aus ihrem Oeuvre zwei Werke näher vorstellen, die beide in Köln stattfanden. Iskele - zu deutsch Anlegestelle, auch Baugerüst - 2010 installierte die Künstlerin, inspiriert von einem riesigen Baugerüst in der Istanbuler Hagia Sophia, in der Kölner Kirche Sankt Peter - auch als Kunststation bekannt, mit Baugerüstteilen ein Objekt, das sich von einer Empore im Mittelschiff freihängend nach unten erstreckt. Ergänzend dazu gab es zwei Monitore, auf einem war die Fahrt mit dem Bauaufzug durch das Gerüst in der Hagia sophia zu sehen, auf dem anderen gab es unter dem Titel "99 Beautiful" Videoportraits von türkischen Menschen, die ihren Namen sagten. Türkische Namen besitzen eine übergeordnete Bedeutung - Ben Ümit (Ich heiße Hoffnung) oder Ben Can (Ich heiße Leben). Jeder der Portraitierten hat eine kurze Erläuterung zu seinem Namen gegeben. Eine Ausstellung, "die in ihren drei Positionen einen Bogen vom realen Raum zum abstrakt Übersinnlichen spannt", so Kai Kullen im Katalogtext. 2016 schuf T.K. in der Artothek in Köln die Installation "Voices", die mit dem Horizont-Raum-Preis der Freunde der Artothek Köln ausgezeichnet wurde. Über die Wände des Raums laufen Projektionen von Schriftbändern, dazu hört man aus Lautsprechern Texte.

"Ausgangspunkt der Arbeit sind Tonaufzeichnungen, in denen Menschen verschiedener Herkunft in ihren Muttersprachen Momente beschreiben, in denen sie sich besonders lebendig gefühlt haben. Die Installation setzt die Kompilation der polyglotten Stimmen mit der Schriftprojektion als raumgreifende englische Untertitelung in eine raumbezogene Dramaturgie. In verschiedenen Sprachen flüstern sie wenige einzelne Worte oder erzählen an anderer Stelle getragen, dann wieder aufgebracht oder stockend. Mal scheinen sie sich zu einer Frage zu erheben, überlagern oder ergänzen sich, dann werden sie wieder unterbrochen von Schweigen. Die englische Übersetzung des Gesprochenen erscheint synchron als Projektion von Fließtext. Die Schriftbänder gleiten als Lichterscheinung über Boden und Wände und scheinen sie ähnlich einem Scanner abzutasten. Sie gehen aus Kanten hervor, laufen wieder in Ecken hinein oder beharren wie Koordinaten auf ihrer Präsenz." (T.Knapp, Portfolio) Im Katalog zur Ausstellung heißt es " Voices lässt Menschen zu Wort kommen mit ihren persönlichen Empfindungen und Erfahrungen." (Jochen Heufelder). Das gesprochene Wort soll beim Rezipienten Bilder evozieren aus der eigenen Erinnerung." Doch wenden wir uns nun der Installation in der Alten Schlosserei zu. Geteilte Gegenwart - Hereness into Nowness Anders als in den zuvor geschilderten Arbeiten gibt es hier keine Wortreihen, keine Monitore mit Aufnahmen von Menschen, die etwas erzählen, keine Aufbauten wie in St. Peter. Wir sehen lediglich Beamer, die etwas auf die Wände projizieren und zwei Lautsprecher, aus denen Geräusche kommen.

T.K. besucht die Alte Schlosserei seit Februar dieses Jahres. Sie hat zu unterschiedlichen Tageszeiten beobachtet, wie Sonnenlicht, Dunkelheit, Wolken und Regen den Raum verändern, wie Schatten und Reflexe durch die Fenster auf die Wände fallen, und sie hat Aufnahmen davon gemacht. Abgebildet sind die Fensterkreuze, man erkennt Äste und Laub. T.K. befand sich dabei in der Gegenwart, und so stellte sich ihr die Frage, wie Gegenwärtigkeit wahrgenommen wird und ob sie sich speichern lässt. Sie ging sogar so weit, den Raum virtuell nachzubauen und so eine eigene Gegenwärtigkeit künstlich zu erzeugen.

Eine zweite Ebene der Installation ist die akustische. Bei den Bildaufnahmen wurde kein Ton aufgenommen, sondern es wurden separate Aufzeichnungen angefertigt. T.K. hat eine Gruppe von 6 Personen zusammengestellt, mit denen sie eine Vereinbarung getroffen hat: Werden diese von ihr angerufen auf dem Mobiltelefon und mit den Worten begrüßt "Ich bin jetzt hier", sollte die angerufene Person innehalten in ihrem gegenwärtigen Tun und die akute Situation wahrnehmen. Dieser Moment wurde in Tonaufnahmen festgehalten. Aus dem gesammelten Material wurden Stücke neu kombiniert, es entstand ein Sound, den T.K. als Grundrauschen bezeichnet.

Die Bildprojektionen und die Geräuschebene sind von unterschiedlicher Dauer, sodass bei der Wiedergabe stets neue Zusammenstellungen entstehen. Es wird sozusagen ständig eine neue künstliche Gegenwärtigkeit aus konservierten Momenten erzeugt. Das Problem mit der Gegenwart ist nur, das sie im Moment des Erlebens bereits zur Vergangenheit wird, im Grunde genommen also ein aussichtsloses Unterfangen. Schon Faust ist gescheitert am Vorhaben, den schönen Augenblick festhalten zu wollen.

Hereness into Nowness - Vom Hier ins Jetzt - ist eine Arbeit, die auch vielseitige kommunikative Aspekte aufweist. Die Künstlerin, die Stunden verbracht hat in der Schlosserei und davor, hat sich im Dialog mit dem Raum befunden. Weitere Verständigung fand statt per Mobilfunk zwischen Künstlerin und den Teilnehmern der Gruppe, auch wenn diese vielleicht einseitig war. Und der Betrachter bzw. Zuhörer wird eingebunden, indem er den Raum betritt und sich auf das Werk einlässt. Und schließlich werden in einem Videokonzert am 5. Mai Musiker mit Momenten der Installation arbeiten und diese wieder "live" zurück in das tatsächliche Hier und Jetzt überführen.

Günter Wagner M.A., April 2018

Die Ausstellung wird unterstützt von:

Landesregierung NRW       Stadt Brühl   


Renault Deutschland AG        Stadtwerke Brühl