Brühler Kunstverein
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Helga Thomas-Berke - Neue Arbeiten

Ausstellung vom 19. März bis 15. April 2000

Wir sehen Malerei auf Leinwand und auf Papier, vorwiegend kleinere Formate. Die Künstlerin arbeitet in einer differenzierten Lasurtechnik mit Aquarell-, Öl- und Acrylfarben. Sie entwickelt Formen, die Assoziationen an Organisches oder Vegetatives wecken, in einem imaginären Raum.

Thomas-Berke

Helga Thomas-Berke - Neue Arbeiten

Betrachtet man die Entwicklung des künstlerischen Werkes von Helga Thomas-Berke einmal über mehrere Jahre. so wird man gewahr, um welche Themenkomplexe die Künstlerin und Auseinandersetzungen auf der Leinwand und dem Papier kreist, welche "Kämpfe" stattfinden und welche Veränderungen das Werk im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte durchmacht.

Die Gemälde und Zeichnungen von Helga Thomas-Berke sind durch die fortwährende Auseinandersetzung mit Farbe, Form, Fläche und Raum geprägt. Im Laufe ihres Schaffens hat sie die Akzente zwischen diesen Komponenten kontinuierlich verlagert und verschoben, so dass es immer wieder zu andersartigen Formausprägungen kam: Eine Entwicklungslinie lässt sich ab 1988 verfolgen, als sich die Künstlerin ganz auf die Aussagekraft der Farbe konzentrierte. Sie gestaltete auf großen Leinwänden vibrierende Farbfelder, die sich jeder konkreten Form entzogen. Mit den Händen wurden die Farben direkt auf den Bildträger aufgetragen. Der bewegte und lebendige Rhythmus der pastos aufgeschichteten Farben bestimmte die Struktur dieser oft ton-in-ton gehaltenen Bilder: kraftvolle Farbflächen von beeindruckender Größe und mit einem eindeutigen Präsenzanspruch, deren Dichte und Transparenz, Dunkelheit und Helligkeit eine nuancenreiche räumliche Wirkung erzeugten.

Die Raum suggerierende Kraft dieser Malerei fand ihren Fortgang in einer raumbezogenen Anordnung großformatiger Bildtafeln - die Tiefendimension auf der Leinwand trat nun in Korrespondenz zur realen Dreidimensionalität des Raumes.
Thomas-Berke führte diese Entwicklung dann noch einen Schritt weiter, indem sie den flächigen Bildträger an Masse zunehmen ließ und dreidimensionale, bemalte Quader schuf, die nun frei im Raum standen. Diese voluminösen Farbquader griffen direkt in die architektonische Situation des Ausstellungsortes ein. Der Betrachter wurde quasi von farbigen Raumelementen umschlossen. Die Farbe hatte sich den Raum erobert.

Zeitgleich zu dieser Entwicklung setzte eine mehrjährige und intensive Auseinandersetzung mit der Farbe Rot ein, in der die Künstlerin die Aussagekraft dieser Farbe vom leuchtendsten Farbton bis zur dunkelsten Abtönung auslotete. War der Farbauftrag bis 1989 noch durch eine unruhige Oberfläche ohne konkrete Formausprägung charakterisiert, so "diszipliniert" die Künstlerin in der dann folgenden Werkgruppe die Farbe in Form geradliniger und rechteckiger Flächen. Die zuvor herrschende Tendenz, die Farbe von der konkreten Form zu lösen, verkehrt sich nun in eine Gegenbewegung, die die Form mehr zu ihrem Recht kommen lässt:
Rechteckige rote Farbflächen, klar voneinander abgegrenzt, staffeln sich jetzt auf kleinformatigen Bildflächen vor- und nebeneinander, öffnen sich zu hellen Hintergründen und lagern sich diagonal im Bild. Auf diese Weise werden ganz neue Raumperspektiven auf der Leinwand geschaffen. Klare abgegrenzte Flächen erzeugen in strenger und ruhiger Anordnung dreidimensionale Räume auf einem zweidimensionalen Bildträger. Die Farbe wird durch die Form diszipliniert, der Anspruch nach Größe wieder zurückgenommen.

Doch auch diese, die Farbe eingrenzende Malweise fand eine Gegenbewegung: Inspiriert von der Natur, kehrte Helga Thomas-Berke sich in den dann folgenden Werken wieder von der Reduktion auf wenige Farbtöne und von der strengen perspektivischen Flächenanordnung ab und gewährte der Farbe erneut mehr Spielraum. Das Farbspektrum in den Gemälden nahm nun zu und führte zu vielfarbigen dynamisch-reliefierten Oberflächen.

Dieser Blick auf die früheren Werke von Helga Thomas-Berke zeigt, wie die Künstlerin sich immer wieder mit Farbe, Form, Fläche und Raum innerhalb der Malerei auseinandersetzt und die Akzente zwischen diesen Elementen kontinuierlich anders gewichtet: Mal löst sich die Form zugunsten der Freiheit der Farbe fast auf, dann wiederum beschränkt die Form die Farbe. Mal erheben Leinwände von großen Ausmaßen einen raumbesetzenden Anspruch, dann wiederum gibt die Künstlerin ihren Gemälden eher ein kleines, intimes Format. Immer aber ist ihr die raumschaffende Wirkung der Malerei wichtig, auch wenn sich diese in unterschiedlicher Gestalt manifestieren kann.

Die Gemälde und Zeichnungen, die Helga Thomas-Berke hier im Brühler Kunstverein ausstellt, entstanden in den Jahren 1999 und 2000. Betrachtet man diese Werke im Ablauf ihrer Entstehung, so lässt sich auch in diesem Zeitraum eine Variationsbreite und Entwicklungsspanne innerhalb des erwähnten Themenkomplexes erkennen:
Waren die Farben in der vorangehenden Schaffensperiode noch frei in bewegt-vibrierenden Flächenkompositlonen situiert. so schließen sie sich jetzt - fast analog zu naturhaften Formbildungsprozessen - zu einem in sich verschlungenen und verwobenen Farbgeschehen zusammen. Man hat den Eindruck als würden sich die Farben zu unregelmäßigen hellen und dunklen Formationen "zusammenbrauen" Ein Konkretisierungsprozess der Form scheint "eingeleitet" zu sein - fast wirkt es, als seien diese Formen noch im Werden begriffen, als suchten die Farben noch ihre endgültige Form.
Dieses in sich verschlungene Zusammenwirken leuchtender und dunkeltoniger Farbflächen erzeugt auf der Leinwand gleichsam ein Vexierspiel: Welche Form drängt nach vorne - welche tritt in den Hintergrund? Schweben die dunklen Flächen über den hellen oder schieben sich die zarten Farben vor die gedämpften? Die Bildlfläche wird zum Bildraum, in dem sich die verschiedenen Formationen in unterschiedlichen "Raumebenen" anzuordnen scheinen.

Diese unregelmäßigen Farbgebilde entwickelt Helga Thomas-Berke in den folgenden Arbeiten zu fast organischen oder vegetativen Formen größeren Ausmaßes, die von kleineren biomorphen Formen überlagert und zugleich durchgliedert werden. Diese Überlagerung erzeugt einen imaginären Raum. der sich nicht eindeutig fassen lässt. Die Wahl von organisch-vegetativen Formen stellt etwas Neues im Schaffen der Künstlerin dar, die in früheren Phasen noch kantig-rechteckige Flächen bevorzugt hatte Die Farbigkeit wird von blau-grünen Tönen und warmen Erdtönen geprägt Die Farbe Rot, mit der die Künstlerin sich drei bis vier Jahre fast ausschließlich beschäftigt hatte, taucht auch hier immer wieder partiell auf und wird im Lauf der Entwicklung wieder an Gewicht gewinnen.

In den jüngsten Gemälden beruhigt sich das zuvor noch so bewegte Farbgeschehen. Die Plastizität der organisch-vegetativen Formen nimmt zu Der Eindruck, dass sich vor dem Hintergrund dunkeltoniger Partien helle und lichterfüllte Gebilde herauskristallisieren, verstärkt sich Die Formen umschweben einander in einer schwer auslotbaren Tiefendimension und erzeugen in ihrem Zusammenspiel eine geheimnisvoll-faszinierende Stimmung.

Die Zeichnungen von Tbomas-Berke entstehen meist sehr spontan und fast "unkontrolliert", oft sogar während sie sich unterhält oder fernsieht. Erst zum Schluss holt die Künstlerin bestimmte Formen stärker heraus und greift kontrollierend in die Komposition ein.
Auch bei diesen Arbeiten von Bleistift auf Papier ist der Künstlerin eine raumschaffende Wirkung wichtig Sie entwickeln sich von lockeren Kompositionen mit verstreut gelagerten Flächen und Linien hin zu verdichteten Strukturen, bei denen auch die einzelnen Formen kompakter werden. Die in den anfänglichen Zeichnungen noch sehr frei "agierenden" Linien bündeln sich in den späteren Arbeiten zu konkreten, gerundeten Formen. Die vorher sich selbst genügenden Striche werden nun gleichsam in den "Dienst" ausgeprägter Formen gestellt Die Überlagerung zarter Schraffuren oder Flächen durch kräftige Linien und das Zusammenspiel von hellen Graunuancen und schwarzen Partien erzeugen eine räumliche Vorder- und Hintergrundgestaltung.

Mit den Gemälden und Zeichnungen dieser letzten Werkperiode hat Helga Thomas-Berke den Themenkatalog von Farbe, Form, Licht, Fläche und Raum erneut modifiziert und ausgelotet: Hatte sie von 1988 an bewegte, pulsierende Farbflächen zunehmend durch die Bündelung der Farbe in geometrische Formen strukturiert, so erfolgte die Entwicklung nun ausgehend von vibrierenden Flächenkompositionen hin zur Anordnung der Farben in organisch vegetativen Formen. So pendeln ihre künstlerischen Arbeiten immer wieder zwischen den Polen "möglichst viel Freiraum für die Farbe" und "Disziplinierung der Farbe durch die Form". Doch gleichgültig, welche Komponente gerade das "Übergewicht" hat, immer ist der Künstlerin die raumsuggerierende Wirkung ihrer Werke wichtig.

Liane Heinz MA. Kunsthistorikerin

Weitere Informationen über Helga Thomas-Berke und Bilder finden Sie auch in der virtuellen Galerie einfachBLAU.