Brühler Kunstverein
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Life is Beautiful - Porzellan-Objekte von Nana Hirose und Kazuma Nagatani

Ausstellung vom 10.9. bis 30.9.2017


Nana Hirose und Kazuma Nagatani
Still Life, 2015, Porzellan, 18 x 6 x 4 cm, © Nana Hirose und Kazuma Nagatani

In ihren Arbeiten orientieren sich die beiden japanischen Künstler, Nana Hirose und Kazuma Nagatani vornehmlich an ihrer Auffassung von Räumen, die sie umgeben und in denen sie leben, sowie an Szenen des Alltags. Objekte, die ihnen täglich begegnen und oft ohne besondere Aufmerksamkeit betrachtet werden, bilden den zentralen Werkstoff ihrer Arbeiten. Im Brühler Kunstverein präsentieren die beiden eine Arbeitsserie von „Stillleben“, die eine veränderte Landschaft unseres alltäglichen Lebens wiederspiegeln. Es werden Dutzende von Alltagsgegenständen aus weißem Porzellan, wie ein Plastikbecher, eine Fleischwurst, ein Kohlkopf, eine Coca-Cola-Flasche im Raum platziert. Sämtliche Objekte erscheinen seltsam verformt. Die Originale des „Alltags“ werden in Gips abgeformt und diese Gipsnegative anschließend mit einer speziell kalkulierten Porzellanmischung ausgegossen. Bewusst sind die individuellen Verformungen der Abgüsse, die durch die Hitze im Brennofen entstehen, vom Künstlerpaar gewollt, sie lassen die eigentlich harten Gegenstände zum Teil weich und biegsam erscheinen - Alltägliches in hartes und doch zerbrechliches Material gegossen, wirkt leicht und sanft.


Einführungsrede zur Ausstellung "Life is beautiful" von Hanna Styrie M.A.

Wer jemals umgezogen ist, der weiß, welche Strapazen ein Wohnungswechsel mit sich bringt. Der gesamte Hausstand muß verpackt werden, manches wird vielleicht auch aussortiert. Am neuen Wohnort angekommen, packt man wieder aus, richtet sich neu ein und muss sich an neue Umgebung gewöhnen. Und dann gibt es da noch die emotionale Seite eines Umzugs, der ja - ob gewollt oder ungewollt - immer mit Abschied und Neuanfang verbunden ist. Das japanische Künstler-Duo Nana Hirose und Kazuma Nagatani hat diese Erfahrungen schon viele Male gemacht. Beide haben schon an vielen Orten gelebt: in Osaka, in Bremen, wo die Zusammenarbeit begann, und in Berlin und Düsseldorf, ihrem derzeitigen Wohnsitz. Dazwischen gab es Stipendien, die mit befristeten Arbeitsaufenthalten in verschiedenen Städten verbunden waren.

Das Nomaden-Dasein hat seine Spuren im künstlerischen Tun der Beiden hinterlassen. Sie befassen sich nämlich vorzugsweise mit den Räumen, in denen sie leben, und mit den Dingen, von denen sie umgeben sind. "Bei einer schwankenden Existenz dient die Wohnung auch als Schutzraum", haben sie mir im Vorgespräch erklärt. Zum besseren Verständnis der Installation, die wir hier sehen, möchte ich auf einige vorangegangene Arbeiten eingehen. Und um Versprechern vorzubeugen, darf ich mich im folgenden auf die Vornamen der Künstler beschränken.

Eines der Langzeit-Projekte von Nana und Kazuma ist die Nachbildung ihrer Düsseldorfer Wohnung - gefaltet aus Material, das ihnen zufällig in die Hände fällt. Seit 2011 entsteht Tag für Tag mit asiatischer Beharrlichkeit und Fingerfertigkeit eine solche Miniwohnung - aus Lebensmittelverpackungen, Restaurantrechnungen, Fahr- und Eintrittskarten sowie Magazinen und Zeitschriften.

Das "Greenhouse", ein Gewächshaus in Form ihrer Wohnung, haben sie mit Pflanzen bestückt, die sie aus ihrer japanischen Heimat mitgebracht haben. Das Bremer Haus, in dem sie gewohnt haben, haben sie detailgetreu in verkleinertem Maßstab aus Holz nachgebaut und auf einen Ständer gestellt, sodass es an ein Vogelhaus erinnert.

Auch bei ihrer Arbeit für den Brühler Kunstverein hat der ganz persönliche Alltag die Inspiration geliefert. "Stillleben" - wie auch sonst - ist die raumgreifende, acht Meter lange Installation betitelt, mit der Nana und Kazuma den Blick auf Dinge richten, die wir nahezu täglich in der Hand haben - einen Plastikbecher, eine Coca-Cola-Flasche, einen Keks, eine Glühbirne, Konservenbüchsen und viele andere triviale Gegenstände, die sich in jedem Haushalt finden und denen wir üblicherweise keine besondere Aufmerksamkeit schenken. Die Künstler haben sie mit Gips abgeformt und mit einer bewusst falsch kalkulierten Porzellanmischung ausgegossen. Das führt dazu, dass sich die Objekte während des Brennvorgangs im Ofen verformen.

Wir haben das Privileg, die Installation hier in voller Ausdehnung und einer Bestückung mit über 100 Objekten zu sehen, weil der langgestreckte Raum wie maßgeschneidert für die Arbeit passt. Dass das Künstlerpaar sich neben seinem Erfindungsgeist und seiner besonderen Sensibilität für Alltagsrelikte, die man leicht übersieht, durch Geduld und eine bemerkenswerte konzeptuelle Stringenz auszeichnet, muss ich eigentlich nicht eigens betonen. Es hat Stunden gedauert, die Objekte abzuformen, mit Porzellanmasse auszugießen und schließlich auf diesem langen Tisch zu arrangieren.

Die Betrachtung fordert uns einiges ab. Durch die Verformung und die einheitliche Farbgebung sind die Gegenstände gleich doppelt verfremdet. Die weiße Farbe des Porzellans verleiht dem Sammelsurium den Zusammenhalt. Wir nehmen einen hochästhetischen Gesamteindruck wahr, in dem den Alltagsgegenständen plötzlich eine künstlerische Dimension zugewiesen wird. Sie bekommen eine skulpturale Anmutung; die große Anzahl lässt sie wie eine poetische Enzyklopädie unseres Alltags erscheinen. "Stillleben" ist der passende Titel für das Arrangement, das Nana und Kazuma "als veränderte Landschaft unseres alltäglichen Leben" auffassen. Jeder für sich kann daran vieles ablesen: über die eigene Lebensweise, sein Konsumverhalten und seine Wahrnehmungsgewohnheiten.

Die zweite Arbeit, die wir hier sehen, ist eine Girlande, eine dekorative Kette, wie man sie bei festlichen Anlässen aufhängt. Üblicherweise besteht sie aus bunten Papierfähnchen. Nana und Kazuma haben Brezeln gewählt, ein urdeutsches Gebäck, das in Bayern besonders beliebt ist. Eine Brezel reiht sich an die andere - als ironische künstlerische Hommage an eine krachlederne Bierzeltatmosphäre, die die Landsleute der Künstler demnächst beim Oktoberfest wieder bestaunen werden. Die Girlande ist aber ein Indiz für die kulturellen Unterschiede, die ihnen im Alltag auf Schritt und Tritt begegnen.

Kleine Notiz am Rande: als Nana und Kazuma die Brezelkette in Amerika gezeigt haben, nahmen sie erstaunt zur Kenntnis, dass die "Pretzels" dort als typisch für New York angesehen werden. Wir konstatieren also, dass es in einer globalen Welt mit nationaler Identität nicht mehr weit her ist. Nana und Kazuma erkunden Bestandteile unserer Existenz und - mindestens genauso wichtig - sie schärfen unseren Blick und unser Bewusstsein für Dinge, die wir leicht übersehen. Kunst und Leben, Leben und Kunst sind auf vielfältige Art mit- und ineinander verwoben - das macht uns diese Ausstellung deutlich.

Wie optimistisch die Künstler in die Welt blicken, zeigt der Titel ihrer Schau "Life is beautiful" - das trifft vielleicht nicht auf jeden Tag zu, zielt aber die Grundstimmung, die hier vermittelt wird, und von der wir uns vielleicht ein wenig anstecken lassen sollten. Ganz kurz noch als Ergänzung: Nana und Kazuma packen demnächst wieder ihre Sachen. Sie treten im November ein Stipendium im Künstlerdorf Schöppingen an. Vorher kann man sie wiedertreffen bei der Internationalen Bergischen Kunstausstellung in Solingen, wo sie in Kürze das Projekt "364 Wohnungen" zeigen; 2018 sind sie im Japanischen Kulturinstitut in Köln zu Gast. Wir werden sie also so schnell nicht aus den Augen verlieren.

Hanna Styrie M.A., im September 2017

 

Bilder von der Eröffnung und Blick in die Ausstellung

Hirose-Nagatani  ©BKV
Das Künstler-Paar Nana Hirose und Kazuma Nagatani

Hirose-Nagatani  ©BKV
Kunstvereinsvorsitzende Gaby Zimmermann (l) und Hanna Styrie (2.v.r.) mit den Künstlern

Hirose-Nagatani  ©BKV
Die Kunstwissenschaftlerin und Journalistin Hanna Styrie M.A. hielt die Eröffnungsrede

Hirose-Nagatani  ©BKV


Hirose-Nagatani  ©BKV
Vernissage-Besucher beim Betrachten der Porzellanobjekte, die auf einer langen
Tafel künstlerisch arrangiert sind


Hirose-Nagatani  ©BKV
Der stellvertretende Vorsitzende Günter Wagner im Gespräch mit Kazuma Nagatani

Hirose-Nagatani  ©BKV


Hirose-Nagatani  ©BKV
Die in Gips abgeformten Alltagsgegenstände werden mit einer besonderen
Porzellanmischung gegossen, sodass individuelle Verformungen entstehen




Fotos: D.Schöddert, G.M.Wagner